Grubenunglück - Albrecht Kowalsky erzählt

Am 16. Februar 1996 war Albrecht Kowalsky bei Radio KW (Lokalradio des Kreises Wesel, UKW-107,6) zu Gast.
Auf der Zeche Rossenray in Kamp-Lintfort hatte sich am 16. Februar 1966 ein tragisches Grubenunglück ereignet, bei dem 16 Bergleute ums Leben gekommen waren.

Albrecht Kowalsky war einer der Zeitzeugen.

Im Folgenden haben wir ein Interview von Radio KW schriftlich für Sie wiedergegeben.

Radio KW:
[…] Bei einem Schlagwetter kamen 16 Menschen ums Leben. Gerhard Reichert sprach mit einem Zeitzeugen, dem Lintforter Albrecht Kowalsky.
Albrecht Kowalsky ist echtes Bergmanns-Urgestein, der Vater Bergmann, der Opa Bergmann, sein Sohn arbeitet noch heute auf Friedrich-Heinrich, Rheinland. Kowalsky war auf Rossenray von der ersten Stunde an dabei, als die Zeche zu Beginn der sechziger Jahre angelegt wurde. Er war der 21. Mann auf Rossenray gewesen, sagt er nicht ohne Stolz und er kannte alle 16 Verunglückten.
Als er am frühen Morgen des 16. Februar 1966 zur Frühschicht fuhr, ahnte er noch nicht, was der Tag Schreckliches bringen würde.

Albrecht Kowalsky:
Ich habe meine normale Frühschicht begonnen im Kohlenstreb im Flöz „Präsident“. […] Mit ca. 25/30 Leuten waren wir da auf der Förderschicht – haben da also Kohlen gefördert und etwa, na, sag' ich mal, zehn, elf Uhr vormittags gab's dann einen fürchterlichen Knall, eine Explosion, denke ich mal, so eine Explosion habe ich also in […] meiner Bergmannszeit noch nie gehört.

Radio KW:
Zunächst erfuhren Kowalsky und seine Kollegen nicht, was passiert war. Alle Bemühungen waren erstmal darauf abgestellt, sich geordnet in Sicherheit zu bringen. Auf dem Weg nach oben passierten Kowalsky und seine Leute die Unglücksstelle, den Flöz „Präsident“, wo sich ihnen, teilweise lang gedienten Bergleuten, ein nie gekanntes Bild bot.

Albrecht Kowalsky:
Ich hab' also das erste Mal in meinem Leben als Bergmann Bergleute weinen sehen. Da war die Grubenwehr versammelt. Die erste Truppe, die die ersten Toten geborgen hat, die hatten also eine Anzahl von toten Bergleuten da niedergelegt und warteten dann auf […] Ablösetrupps und da wurde uns erstmal bewusst, was also geschehen war.

Radio KW:
Was war geschehen? Ein Schlagwetter, d. h. die plötzliche Explosion von Gasen, die man nicht sehen und auch nicht riechen konnte, hatte alles Leben auf einer Strecke von 800 Metern vernichtet. Dass nicht noch mehr passierte, war sogenannten Explosionssperren zu verdanken, Wasserbehältern, die die weitere Ausdehnung der Gase verhinderten. Einen Tag nach dem schrecklichen Unglück war Albrecht Kowalsky einer von denen, die im Flöz „Präsidenten“ aufräumen mussten.

Albrecht Kowalsky:
Diese Strecke, dieser Ausbau, ist also vollkommen umgelegt worden. Man muss sich vorstellen, wenn man Dominosteine aneinanderreiht und die anschubst, das also bis zum letzten Stein alles umfällt und so war auch dieser gesamte Ausbau umgeschoben von der Gewalt der Explosion.

Radio KW:
30 Jahre sind eine lange Zeit und Albrecht Kowalsky lernte schnell, das Unglück zu verarbeiten. Er blieb bis 1987 Bergmann. „Einige wenige“, sagt er, „gaben unmittelbar nach dem Unglück ihren Bergmannsberuf auf“. Wenn heute zu Ehrung der Toten ein Kranz niedergelegt wird, wird auch Albrecht Kowalsky dabei sein und wahrscheinlich wird dann noch einmal jener ferne Tag heraufdämmern, der für viele als ganz normale Frühschicht begann und für einige als Katastrophe endete.


"Rheinische Post" vom 16. Februar 1996
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"Rheinische Post" vom 17. September 1997